Rezension von Ingrid Peisker zu Beate Niemann - Ich lasse das Vergessen nicht zu

Rezension von Ingrid Peisker

"Beate Niemann - Ich lasse das Vergessen nicht zu"

Beate Niemann: Ich lasse das Vergessen nicht zu

Es ist beeindruckend, wie Beate Niemann gegen innere und äußere Widerstände ankämpft, um das Geschehene dem Vergessen zu entreißen, um der Wahrheit, so schrecklich sie auch sein mag, zum Durchbruch zu verhelfen und auch, um dem Negativ-Motto von Reiner Kunze „Vergangenheit, Tochter, sie zu erkennen kann die Zukunft kosten.“ die latente Bedrohung zu nehmen. In vielen kleinen Einzelschritten befreit sie sich von dem „Lügengebilde“ ihrer Familie, das sie zwar eine Zeit lang geschützt hat vor dem Schmerz der Wahrheit, sich aber auch zunehmend beengend wie ein „Spinnennetz“ um sie gelegt hat: Der Vater von Beate Niemann war in der NS-Zeit Kriminaldirektor und SS-Sturmbannführer, in der Sowjetunion, Jugoslawien und Ungarn an NS-Massenmordaktionen und in Belgrad als Chef der Gestapo an einen Gaswageneinsatz beteiligt, bei dem innerhalb weniger Wochen tausende jüdischer Menschen vergast wurden. Sie will ihren Vater nicht in der Masse der NS-Täter untergehen lassen, sich auch nicht mit der Verurteilung einiger Hauptangeklagten im Rahmen der Nürnberger-Prozesse von 1945 – 1949, der Auschwitz-Prozesse von 1963 - 1976, des Ulmer Einsatz-gruppen-Prozesses von 1953 und einiger anderer Prozesse zufrieden geben; es war ihr wichtig, ihren Vater aus der Anonymität der vielen teils untergetauchten, teils unbehelligt wieder in Amt und Würden integrierten NS-Verbrecher herauszuheben. Das Wissen um die Verbrechen ihres Vaters hat sie nicht für sich behalten, sondern ist damit den mutigen Schritt in die Öffentlichkeit gegangen, was ihr nicht nur Hochachtung einbrachte, sondern auch wüste Beschimpfungen. „Nestbeschmutzerin“ musste sie sich betiteln lassen und sich anhören, dass es eine Schande sei, „mit der Schande an die Öffentlichkeit zu gehen“. Was sie im Umgang mit ihren Zuhörern erschreckt, ist die mangelnde Empathie für die Opfer und das immer noch virulente nationalsozialistische Gedankengut. Das Interview im Tagesspiegel vom Dezember 2000, überschrieben mit „Vater, du Mörder!“ und der Film mit dem Titel „Mein Vater, der Mörder!“ haben auch Empörung ausgelöst, besonders in ihrer eigenen Familie.

Aber Beate Niemann hat durch ihre Arbeit auch viele gute neue Freunde gefunden, die sie unterstützen, wie den Regisseur Yoasch Tatari und Petra Lidschreiber. Seit fünfzehn Jahren ist sie unterwegs mit ihrem Film und ihrem Buch, als Referentin in verschiedenen Bildungseinrichtungen wie Schulen, zu Lesungen und Vorträgen in Gedenkstätten wie Sachsenhausen und Mittelbau Dora oder an der Bundeswehr-universität in Hamburg und erzählt ihre Geschichte. Und – was das Erstaunlichste ist – Beate Niemann stellt sich den Überlebenden der Mordaktionen ihres Vaters in Belgrad als Tochter des Mörders in einem Gespräch. Damit anerkennt sie das Leid der Betroffenen, sodass Versöhnung möglich werden kann. Der narrative Umgang mit der eigenen Geschichte ist für sie zu einer Lebensaufgabe geworden.

Beate Niemann liefert keinen durchgehenden Text, sondern eine Aneinanderreihung von Einzeldarstellungen, in der auch andere Personen wie zum Beispiel ihre Tochter, Inga-Lil Johannsen, Gerda Simons und Marianne Horstkemper zu Wort kommen. Dadurch wirkt der Text etwas zerrissen, spiegelt so aber wohl die psychische Situation der Autorin wider. Es bleibt der Arbeit des Lesers überlassen, sich aus den vielen Mosaiksteinchen ein zusammenhängendes eigenes Bild zu machen. Die detaillierte Spurensuche hat Beate Niemann weitgehend abgeschlossen und darüber in ihrem Beitrag im Sammelband „Beidseits von Auschwitz – Identitäten in Deutschland nach 1945“ (herausgeben von Nea Weissberg und Jürgen Müller Hohagen) berichtet. In ihrem Buch geht es hauptsächlich darum zu schildern, wie sie mit dem Wissen über die Verbrechen des Vaters umgeht und damit leben kann. Und sie hat einen bemerkenswerten, sehr schwierigen Weg eingeschlagen, den Weg der Friedens- und Versöhnungsarbeit.

Warum riskiert jemand den Verlust an Selbstachtung bei der selbstkritischen Be-schäftigung mit der Vergangenheit und der schonungslosen Aufdeckung der Wahr-heit? Weil es sich im Widerspruch zu Reiner Kunze ohne das „Lügengebilde“ letztendlich aufrechter und befreiter leben lässt, weil das Erinnern den Opfern die Würde zurückgibt, weil jeder, der sich schonungslos der Vergangenheit stellt, einen Beitrag zur Huma-nisierung unserer Welt leistet, weil es in der Verantwortung der Täternachfolgegeneration liegt, dafür zu sorgen, dass Unrecht als Unrecht benannt wird, um so künftigem Unrecht vorzubeugen, weil durch eine angemessene Erinnerungskultur der nächsten Generation ein sicheres Rechtsbewusstsein und eine zuverlässige Werteorientierung vermittelt werden kann, weil Erinnerungsarbeit Friedens- und Versöhnungsarbeit bedeutet und weil es notwendig ist, die Opfer zu betrauern, um der eigenen seelischen Gesundheit willen, denn Trauerarbeit ist heilsam.

In einem langen schmerzhaften Prozess hat Beate Niemann überzeugend vorgelebt, wie es möglich ist, mit der grauenvollen Geschichte als Täter-Kind umzugehen, ohne zu verdrängen, zu verharmlosen, zu beschwichtigen, zu verleugnen. Vielleicht kann sie ja sogar den ein oder anderen ermutigen, sich seinerseits auf die Suche nach seiner eigenen vergrabenen Familiengeschichte zu begeben?

Ingrid Peisker, Mai 2017

Zu bestellen:

Lichtig-Verlag, Berlin 2017
ISBN: 978-3-929905-38-0
112 Seiten
Preis: EUR 14,90

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